
Hamburg-Rotherbaum. Das Interview mit Daniela Rost und Günther Ehnert geht in die dritte und letzte Runde. Am Ende gab es noch ein kleines Fotoshooting in den Räumlichkeiten des Grand Élysée.
Text/Interview und Fotos: Johanna Karajan (Veröffentlichung oder Weiterverwendung ausschließlich unter Urhebernennung gestattet!)
Ihr habt beide viel die Begriffe Toleranz und Inklusion genannt und auch ich bin auf einer Veranstaltung von Active City rund um Olympia darauf gestoßen. Nun hat Hamburg die Bewerbung durch die Volksabstimmung verloren, weil Olympia genau wie die FIFA als korrupt angesehen wird. Man fragt sich, wo die Gelder hingehen. Aber durch die paralympischen Spiele hatte der Volksmund zumindest im Goldbekhaus gesagt, man könnte Inklusion fördern, Barrierefreiheit, gegenseitige Rücksichtnahme, Bauprojekte realisieren und mehr dieses Miteinander. Haltet ihr die Gesellschaft im Alltag noch für intolerant? Wenn man sagt, es gibt unterschiedliche Bedürfnisse, sieht jeder nur seins und nicht die andere Seite?
Rost: Nein, ganz im Gegenteil. Es liegt immer an den Gegebenheiten, die vorgegeben werden. Was ich ergänzen muss, ist auch Gemeinschaft, gemeinsam. Es ist möglich, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, wie wir beide auch zusammengekommen sind aufgrund einer Gemeinsamkeit, die wir haben. Ich muss auch noch mal betonen, als Günther sich gemeldet hat – ich kann das gar nicht in Worten beschreiben – war das etwas ganz Besonderes, dass so ein großer Mensch, der sowas Tolles geschaffen hat, sich bei mir gemeldet hat. Was etwas Besonderes für mich war, dass er auf mich zugekommen ist und gesagt hat, „hier, ich reiche dir meine Hand und wir setzen uns zusammen und gucken, was wir gemeinsam machen können.“
Da kommt wieder dieses Wort gemeinsam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es gemeinsam auch in dieser Welt möglich ist, etwas zu bewegen und etwas zu verändern. Es liegt immer nur daran, was für Gegebenheiten einem zur Verfügung gestellt werden. Wenn alles immer eingeschränkt und abgelehnt wird, was für Möglichkeiten bleiben dann?
…durch Politik und Verwaltung.
Unter anderem ja.
Günther, möchtest du dich auch nochmal zu dieser Frage äußern? Liegt es an unserer Gesellschaft oder an Politik und Verwaltung?
Wir haben eine gemeinsame Zielgruppe. Alle Menschen in Hamburg wollen nicht tanzen gehen. Dann hätten wir den Saal nicht dafür. Aber wir haben eine Zielgruppe: Künstlermusik. Bei mir sind das die Gäste und die Künstlermusik. Das vereinbart das. Die Zielgruppe ist da und die Menschen möchten auch wieder zusammenkommen. Sie möchten fröhlich sein. Das ist nicht das Problem. Was das Problem ist, ist, dass es oft blockiert wird. Wenn jetzt die Straßenkünstler an den Landungsbrücken auftreten und 150 Leute amüsieren sich und haben Spaß, dann kann ich das nicht unterbrechen. Dann muss ich mir Gedanken machen, wie man das noch fördern kann. Wie kann man das noch mal 150 Menschen oder 1500 Menschen zeigen, dass der Künstler gut ist und dass er uns eine Freude bringen kann?
Das ist das, was Daniela vorhat, die Künstler zusammenzubringen, die Bühne zu schaffen, Castings zu machen und Veranstaltungen. Da habe ich die Zielgruppe, was Kaufhäuser betrifft. Ich kenn die Geschäftsführer von Breuninger, vom Alsterhaus, vom Schlemmermarkt, Herrn Struwe etc. durch die Jahre. Da muss man nur wieder eine Idee haben, ein Konzept organisieren, planen, ausführen und dann sagen, „Komm, wir haben jetzt eine tolle Idee, wo mal einen Tag in der Stadt verschiedene Orte sind, wo Musik gemacht wird, und dann veröffentlichen wir das, kriegen die Genehmigung von der Stadt und dann nehmen die Menschen das mit durch Social Media oder wie auch immer und sagen, ‚oh, da gehe ich hin‘.“
Das ist etwas Tolles, etwas Neues. Wenn dann alles richtig gemacht wird, der Ort, die Künstler, die Organisation, dann sagen die Menschen auch, wenn sie nach Hause gehen, „das war toll, da gehe ich wieder hin. Wenn das mal wiederkommt, dann bin ich dabei.“ Was sie vorschlägt, finde ich wichtig. Wir müssen viel mehr zusammenkommen und das ist auch mein Konzept. Ich lerne jeden Künstler, jeden Sponsor, ich lerne sie alle persönlich kennen. Das ist meine Aufgabe, das will ich auch. Darum habe ich auch gesagt, wer auf dem Blauen Ball auftritt, da frage ich Daniela [er wendet sich zu ihr. Anm. d. Red.] du weißt, was der Blaue Ball ist, guck mal in dein Konzept rein, wer passt dort am besten? Dann lernen wir den Künstler kennen und wenn ich Gänsehaut krieg und du auch, dann tritt er aufm blauen Ball auf.
Wenn man euch beiden zuhört, dann klingt das Konzept aus München gar nicht mal schlecht oder wie erachtet ihr das?
Ja, es ist eine richtige Richtung. Aber alles im Leben ist ausbaubar. Dies ist der Punkt, an dem man reden muss. Das ist das A und O. Auch das Persönliche ist so wichtig. Nur, wenn man viel miteinander redet, wird man das Passende am Ende für viele treffen. Man wird das nie hundertprozentig für alle. Das ist gar nicht möglich. Aber das ist auch so ein Wort „Perfektion“. Das ist eigentlich nie zu erreichen, weil was perfekt ist und wer entscheidet was Perfektion ist? Dementsprechend ist es immer wichtig, dass man einfach versucht, alle mit einzubinden und alle an einen Tisch zu bringen. Dann wird man auch den richtigen Weg finden.
Eine letzte Frage an dich, Günther: Im Zusammenhang mit dem Blauen Ball hört man immer den Namen Ehnert, vor allem auch Günther Ehnert, aber auch den Namen deiner Frau Marianne. Wie wichtig ist es, dass Daniela auch Aushängeschild ihres Projekts wird, wenngleich sie nicht den Anspruch erhebt, aber dennoch eine bildhübsche und ambitionierte Frau und Mutter ist und damit andere Frauen inspiriert oder sollte sie strategisch im Hintergrund bleiben?
Es ist so, weil ich ja immer an der Front organisiere, fällt immer der Name Günther Ehnert. Meine Frau hat sich auch bereits dafür entschuldigt und ich habe sie nach vorne geholt, um den ersten Tanz zu machen. Aber wir sind beide völlig bodenständig und normal geblieben und so soll das auch bleiben. Unser Projekt ist ein gemeinsames Projekt aus einer gemeinsamen Familienfeier. Das war unsere Silberhochzeit. Auch das soll so bleiben.
Daniela wird dann automatisch gehen. Sie hat die Idee und sie organisiert das. Daniela Rost spricht auch darüber. Es wird sich nicht vermeiden lassen. Meine Frau ist immer weggelaufen, wenn der Fotograf kam. Ich gesagt, „Das kannst du nicht machen. Die wollen uns beide aufm Bild haben.“ Es wird automatisch sein. Aber ich kann nur die Empfehlung geben, sich nicht immer zu viel in den Vordergrund zu stellen, auch im Internet nicht. Es gibt prominente Personen, die ständig im Internet sind, sich immer profilieren, dass es nachher schon unangenehm wird. Bodenständig zu bleiben, zurückhaltend ist das, nicht von sich aus im Vordergrund zu stellen. Das andere wird alles automatisch kommen. Wenn sie Erfolg hat – und sie wird Erfolg haben, da gehe ich von aus – dann kann sie es nicht vermeiden.
Ich kann nochmal sagen, was die Stadt Hamburg betrifft. Hamburg hat ein Problem. Das ist schon länger bekannt, auch in der Behörde, im Bezirk usw. Hamburg muss man bereichern. Der Tourismus ist da. Das ist nicht das Problem. Der Hamburger ist aber nicht in der Stadt, aus vielerlei Gründen. Wenn man von der Mönckebergstraße durch die Altstadt geht zu den Colonnaden hin, dann weiß man, was Negatives gerade passiert in der Innenstadt. Dieses Projekt erinnert dann daran. Dadurch bin ich auch darauf aufmerksam geworden, auf den Bericht im NDR. Da habe ich gesagt, ich habe ein Konzept für die Innenstadt. Das weiß Herr Neuhauer auch schon.
Dieses Konzept passt wie die Faust aufs Auge. Da hab gesagt, „mein Gott, Du kennst sie gar nicht, aber die muss die gleichen Gedanken haben.“ Aber sie hat eine Zielrichtung und es gibt da mehrere. Das sind die Aufgaben. Wenn dieses Projekt stattfindet in der Stadt, dann ist ihr Projekt die Musiker und die Unterhaltung. Da gibt es noch viele andere. Ich finde da Sponsoren für. Natur wieder in die Stadt holen. Wir müssen uns gemeinsam hinsetzen mit den Verantwortlichen, mit den Bürgern, mit den Unternehmern und müssen ein gemeinsames Konzept entwickeln und sagen, „so, das packen wir jetzt gemeinsam an.“ Nur so schaffen wir das. Ohne Fleisch kein Fleisch.
Du hast außerdem eine unfassbar bewegende Geschichte. Wir haben rausgehört, du bist Mutter. Du hattest aber auch deinen einen Reitunfall. Wissenschaftlich sagt man auch, die Musik heilt. So benutzen viele Musik als Therapie und in unterschiedlichsten Richtungen. Würdest du sagen, du schuldest der Musik etwas zurück?
Nein, Schulden wäre die falsche Aussage. Auch wenn es medizinisch nicht so aussah, Musik hat mir viel gegeben. Meine beste Freundin hat mir mit der Gitarre vorgespielt. Danach gab es eine Zeit, in der meine Tochter mich am Leben gehalten hat. Es ist das Beste und das Wichtigste in meinem Leben. Dieses Klavierspiel auch. Das eine hat in dem Fall mit dem anderen nichts zu tun. Ich habe einen anderen Bezug zur Musik. Durch meine Geschichten und durch die Wege, die ich in meinem Leben gehen musste. Die Musik hat mir ganz viel gegeben. Ich habe da ein anderes Empfinden wie jemand, der einfach nur Musikliebhaber ist und seine Schallplatten sammelt.
Nichtsdestotrotz sag ich, dieses Projekt, da bin ich nicht wichtig. Ich mache das vom Herzen. Mit diesem Projekt möchte ich mich nicht in den Vordergrund stellen. Ich bin schon so oder so eine sehr auffällige Frau, das weiß ich, und dadurch mit Vorurteilen immer sehr belastet aufgrund meiner Optik. Umso wichtiger ist es für mich, immer zu sagen, ich bin da nicht wichtig. Mir ist es wichtig, dass das Projekt wächst und es ist nicht wichtig, ob da Daniela Rost steht oder „Hinter dem Klang“. Wichtig ist dieses Projekt. Eigentlich der größte Herzenswunsch, den ich habe, ist, am Ende an etwas vorbeizulaufen und zu sagen, ich habe da etwas geschaffen.
Hinter dem Klang: So soll es weitergehen
Wie viel kriegt deine Tochter von deinem Engagement mit und wie empfindet sie das? Findet sie das cool, dass Mama etwas mit Musik macht oder einfach auch den gemeinnützigen Hintergrund?
Ein Teil, wie z.B. das Pixibuch, das kommen wird, wo die Geschichte kindlich für „Hinter dem Klang“ erzählt wird in Miniform, das habe ich mit meiner Tochter gemeinsam gestaltet. Ich binde meine Tochter sehr viel in diesen Dingen mit ein. Das ist mir auch sehr wichtig, auf diesem schweren Weg im Leben, der noch mit sehr vielen Herausforderungen sein wird, ihr zu zeigen: es ist nicht immer leicht im Leben, aber es ist wichtig, immer was mitzugeben im Leben und auch zu helfen. Deswegen binde ich sie ganz viel ein. Ich glaube, es gibt so Kleinigkeiten, wo wir Plakate zeichnen und gemeinsam malen. Das ist unsere gemeinsame Zeit, die uns wieder auch mit diesem Projekt verbindet. Sie findet das, glaube ich, auch toll. Da bin ich auch sicher. Es gibt auch andere Sachen, wo sie sagt, das ist zu langweilig, Mama. Aber das ist auch normal.
Wenn ich das richtig gehört habe, machst du selbst auch Musik. Du spielst Klavier und machst du noch etwas anderes?
Ja, für mich persönlich. Ich spiele seit 25 Jahren Klavier. Ich habe noch nie in meinem Leben auf einer Bühne gesungen, aber es gibt einen Song.
Würdest du diesen denn gerne mal öffentlich performen?
Ich habe für meinen Ehemann letztes Jahr zur Hochzeit ein Geschenk von Herzen gemacht. Das ist viel mehr wert als alles Geld und Gold dieser Welt. Ich habe mir Gedanken gemacht, was ich diesem Mann eigentlich zur Hochzeit schenken kann. Von persönlichen Dingen bin immer ein Freund. Dann habe ich ihm selbst einen Song geschrieben, selbst eingesungen und das war das erste Mal in meinem Leben tatsächlich, wo ich auch mit mir selbst gewachsen bin für einen Menschen. Musik ist für ihn das Wertvollste seinem Leben. Er ist Bassist und liebt die Musik. Somit habe ich unseren Hochzeitsong selbst geschrieben. Viele Menschen hätten das nie gedacht. Diese große Bühne brauche ich aber nicht. Ich bin gerne da, wo ich bin, und mir geht es gut so. Ich habe eher Angst vor der Bühne.
Könnte man denn hoffen, dich einmal live singen zu sehen?
Lilly und Tom haben mich das auch schon gefragt. Ich habe tolles Feedback bekommen. Aber, nein, das ist der falsche Ansatz. Zum einen das jetzt zu machen. Zum anderen würde das ein falsches Bild widerspiegeln, das ich nicht widerspiegeln möchte, weil es nicht so ist. Wenn, dann würde ich das nur für eine gute Sache machen, eine Kinderveranstaltung oder guten Zweck, oder für eine geschlossene Gesellschaft, wo wirklich alle Handys mal wegkommen. Ich habe solche Angst vor den sozialen Netzwerken im Sinne, dass man einen Fauxpas hat, man versinkt sich, weil man aufgeregt ist, und dann werde ich auf einmal der TikTok-Star für einen Tag, weil ich einen Fehler gemacht habe und eine auffällige Person bin. Wir machen das für eine Stiftung oder für ein Kinderhospiz. Das würde ich immer wieder machen, aber ich möchte damit kein Geld verdienen.
Dein Mann ist Musiker [Rossi von Rossi und Offel, Anm. d. Red.]. Es zeigt, dass Du ja auch ein Mensch mittendrin bist oder sehr verbunden mit der Musik durch deine Mitmenschen. Ist es vielleicht auch so, dass du deinen Mann unterstützen möchtest mit deinem Projekt?
Natürlich! Mein Mann ist mit einer der Initiatoren. Der saß bei mir und sagte, „Du, wir haben so viele Probleme mit der Straßenszene. Kannst Du mir nicht helfen?“ Ich habe öffentliches Recht studiert. Ich sehe das Problem und die Möglichkeiten. So habe ich gesagt, ich kann mir das mal angucken. Ich sitze in Schleswig-Holstein. Das ist Hamburg, das sind zwei verschiedene Bundesländer. Das ist grundsätzlich in vielen Sachen anders. Niedersachsen ist nochmal anders. Damit habe ich mich auseinandergesetzt und dann gesagt, „das ist der falsche Ansatz. Wenn ich es für eine Person mache, mache ich es für alle.“ Natürlich ist er u.a. derjenige, der es ins Leben gerufen hat. Das ist alles, was er liebt und er ist mein Mann. Ich liebe ihn über alles. Natürlich versuche ich meinen Mann so sehr es in meiner Macht steht und es Möglichkeiten gibt, dann auch zu unterstützen.
Herzlichen Dank an Daniela Rost und Günther Ehnert für ihre ausführlichen Gedanken und das großartige Gespräch. Teil 1 und 2 der Interview-Reihe findet ihr hier und hier. Daniela Rost ist mit Hinter dem Klang übrigens auf allen gängigen sozialen Netzwerken vertreten. Zum YouTube-Channel mit allen Podcasts geht es hier.