Interview über Hinter dem Klang: „Jetzt ist es wichtig, die Menschen wieder zusammenzuführen“

Hinter dem Klang Gründerin Daniela Rost
Daniela Rost will die Menschen mit Musik wieder zusammenbringen.

Hamburg-Rotherbaum. Daniela Rost hat das Projekt „Hinter dem Klang“ ins Leben gerufen. Im Gespräch mit ihr und Günther Ehnert geht es um den Aspekt, Menschen zu Helfen, ihre wertvollen Geschichten und Erfolg. Lest den ersten Teil Interviews zu den Motiven und Hintergründen hier.

Ich lernte Daniela Rost im Frühling bei einem privaten Get-Together in geschlossener Gesellschaft von Musikern kennen. Dort erzählte sie mir von ihrem gemeinnützigen Projekt. Über dieses wurde kurz zuvor im NDR hier berichtet. Ich wollte mit Daniela genauer über ihr Projekt sprechen und die Hintergründe verstehen. Günther Ehnert, Gründer des Blauen Balls (hier wurde darüber berichtet) hat sich dem Gespräch in seiner Veranstaltungsstätte, dem Grand Élysée Hamburg, angeschlossen. Vielen Dank an das Luxushotel für den freundlichen Empfang.

Text/Interview und Fotos: Johanna Karajan (Veröffentlichung oder Weiterverwendung ausschließlich unter Urhebernennung gestattet!)

Liebe Daniela, vielen Dank, dass du dir heute Zeit für mich genommen hast. Vielen Dank, lieber Günther, dass Du dich angeschlossen hast. Daniela, du betreibst den Podcast „Hinter dem Klang“ als Grundlage für dein eigentliches Produkt, die mobile Bühne, die es erstmal nur als Entwurf gibt. Was würdest du sagen, liegt für dich eher im Fokus: die Genehmigung für Auftritte oder Investoren zu finden, die dein Produkt sponsern?

Beides eigentlich gar nicht. Ich würde eher sagen, der Fokus liegt allgemein auf der Welt da draußen, die in extrem schweren Zeiten gelitten hat. Dass da wieder Leben reinkommt mit der Musik. Die Musik wieder mehr nach draußen bewegt wird. Ob das Musiker unterstützt – was natürlich der Fokus ist, ihnen eine Bühne oder eine Plattform zu geben – oder aber auch Kinder oder Inklusionsprojekte mit einzubinden, die Stadt Hamburg wieder zum Leben zu erwecken und alle etwas davon haben. Dass eine mobile Bühne entsteht, ist nur ein Teil des Konzepts. Die Musiker sollen mehr Unterstützung und Möglichkeiten bekommen, mehr Bühnen im Raum Hamburg zu haben. Das kann auch wieder die Menschen zusammenziehen. Denn Musik verbindet und Musik heilt und Musik macht ganz viel. Das steht eigentlich im Vordergrund, zu verbinden und tatsächlich wieder alles zum Leben zu erwecken.

Man könnte also in einem Wort sagen, die Musik ist der Stamm und dann gibt es viele Zweige: die Menschen, die Künstler, die Plattform, die die Künstler bekommen können oder sollen. Aus Marketing-Sicht sind Anzeigen als solche nämlich teuer. Wenn man das Ganze geschäftlich betrachtet, ist das schon extremer Mehrwert, wenn man eine Plattform hat.

Genau! Es müssen Kooperationen entstehen, ob das mit den Straßenmusikern, mit den Schulen oder mit den Gästen ist, dass auf der Straße eine Möglichkeit gegeben wird.

Um nochmal kurz auf die mobile Bühne zurückzukommen: Wenn man diese nun als Produkt nimmt, sollen dort dann Kunstprojekte stattfinden?

Die Musiker sollen dort live auftreten können, aber geräuschneutral – geöffnet oder geschlossen – weil das Thema oft die Lautstärke ist. Wenn sie geschlossen wäre, würde man sich über Kopfhörer oder Airwatch einloggen. Das ist diese „Silence“-Geschichte. Man kann aber auch an Workshops teilnehmen, wo die Kinder an Instrumente gebracht werden, sodass Kinder gezeigt bekommen, was heutzutage nicht so gängige Instrumente wie bspw. ein Kontrabass, Cello oder eine Harfe sind, was der Unterschied ist. Die wenigsten wissen das. Ich weiß, dass es hier in Hamburg ein Projekt gibt, das Schulen unterstützt. Allerdings gibt es noch zu wenig Musikunterricht, obwohl das sehr, sehr wichtig für Kinder und auch Menschen mit Schwerbehinderung ist.

Diese mobile Bühne ist einfach gut dafür, dass sie überall einzusetzen ist, ob das jetzt Veranstaltungen sind, in der Stadt, im Zentrum oder ein interessanter Podcast läuft, wo zwei Menschen sich unterhalten und sich die Menschen in der Mittagspause einloggen können oder man direkt an der Alster ein Konzert macht und sagt, man stellt sie dahin und sie haben eine Bühne. Es ist sehr simpel und einfach gehalten: man hat die Technik da drin. Alle drumherum können sich draußen farbenfroh zusammensetzen und das genießen für wenig Geld u.a. oder gar keins, weil Konzertkarten heutzutage für die, vierköpfige Familie, sage ich mal, einfach gar nicht mehr tragbar sind.

Was ist deine definierte Zielgruppe? Du hast jetzt viele unterschiedliche Dinge genannt, die im Kern dasselbe vereinen. In der Wirtschaftspsychologie heißt es jedoch, wenn Du dich erstmal auf eine Sache spezialisierst, dann bist Du perspektivisch erfolgreicher.

Am Ende ist es ein Kunst- und Kulturprojekt für Musiker, Kinder und Inklusion.

Vielleicht passt dazu ein Zitat, das ich letztes Jahr im Komponistenquartier zum zehnjährigen Jubiläum gehört habe. Unser Kultursenator Carsten Brosda hat sinngemäß gesagt, es wird sehr viel in Verteidigung investiert, sprich in Waffen, und viel zu wenig in Kultur. Dabei bildet Kultur den Geist und sollte entsprechend auch genauso staatlich gefördert werden, wo du den Musikunterricht erwähnt hattest.

Schulen sind von vielen die wenigen Dinge, die man nur erwähnen kann. Da gibt es noch so viel mehr. Es ist auch nicht nur so, dass die Stadt Hamburg alleine darunter leidet. Die Geschäfte auch. Da gibt es so viele Sachen.

Kann man sagen, der Auslöser für dein Projekt die Coronapandemie war?

Corona hat etwas mit den Menschen gemacht. Da gibt es positive und negative Geschichten. Es gab Menschen, die sagten: „oh, Corona war eine Zeit, die eigentlich mein Unternehmen gerettet hat.“ Es hat sehr viel Technik oder die digitale Welt unterstützt und gefördert, dass es überall noch mehr Entwicklung gab. Aber es ist auch etwas verloren gegangen: das ist aus meiner Sicht aus dem Herzen eigentlich das Wichtigste im Leben. Dieses Miteinander, das Menschliche und das Zusammensein mit den Menschen. Die Menschen sind immer mehr für sich, gehen einzelne Wege und kämpfen viel mehr. Die digitale Welt ist immer mehr nach vorne geraten.

Das ist nicht unbedingt falsch, aber man muss es immer aus zwei Perspektiven betrachten. Das eine ist die Entwicklung. Das andere ist aber auch das Menschliche für die Kinder, die miteinander noch spielen oder auch Menschen, die zusammen an einem Tisch in der Gastro sitzen und reden und nicht nur auf ihr Handy in die sozialen Netzwerke gucken… genau das möchte ich auch mit der Musik: alle Nationen, ob groß, ob klein, ob alt, ob jung, wieder miteinander verbinden. Das möchte ich auch wieder nach außen tragen. Das funktioniert einfach mit der Musik.

Das beste Beispiel ist, wenn man in Hamburg zum Hafen an den Baumwall geht. Dort existiert eine Verordnung, die sagt, man soll dort nicht spielen und wenn, dann nur ohne Verstärker und Co. Es gibt ganz viele Auflagen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Auch wenn die letzte Verordnung im Oktober letzten Jahres erneuert worden ist, ist sie aus meiner Sicht trotzdem nicht mehr zeitgemäß. Sowas muss angepasst werden, damit die Straßenmusiker einfach auch dort wieder Musik machen können. [Sie zeigt uns ein Video vom Auftritt ihres Mannes am Baumwall bei Sonnenuntergang, wo ca. 150 Menschen stehen und zuhören und beschreibt, wie wunderschön das ist frei nach dem Motto „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Anm. d. Red.]

Die [Straßenmusiker] investieren sehr viel Zeit und Geld, Herz und Liebe in dem, was sie vermitteln und nach außen tragen.“

– Daniela Rost, Hinter dem Klang

Apropos soziale Medien: Während der Coronapandemie gab es einen sog. Rahmen für die Profilbilder mit der Aufschrift „Ohne Kunst und Kultur wird’s still“ und die Buchstaben „uns“ in Kunst rot markiert. Daran hat mich die Erzählung über dein Projekt erinnert.
Bezüglich dieses Miteinanders heißt es gerade über die sog. Gen Z, wie sie auf Neudeutsch genannt wird, oder die Generation Alpha (die Schulkinder heutzutage), dass diese Berührungsängste bspw. vor dem Telefonieren haben, weil die jungen Generationen gar nicht mehr richtig am Zusammenleben teilnehmen, weil sie nicht möchten. Vielleicht ermutigt dein sie, sich an die Menschen heranzutrauen.

Genau, mit Corona ist psychosomatisch einfach sehr viel passiert mit Erwachsenen und Kindern. Die Kinder haben aus meiner Sicht am meisten darunter gelitten – ich kann immer nur von mir sprechen und dem, was ich für Erfahrungswerte gemacht habe. Ich bin selbst Mutter einer 13-jährigen Tochter und habe das große Glück gehabt, dass wir ein Pferd hatten und rauskamen, dadurch dass Pferde bewegt werden müssen. Wir hatten das nicht, dass wir nicht mehr zum Ballett gehen konnten oder die Kinder nicht mehr miteinander spielen durften. Aber auch diese Phasen gab es. Nichtsdestotrotz ist diese Zeit vorbei und jetzt ist es wichtig, die Menschen wieder zusammenzuführen, in die Stadt zu führen und wieder mit guter Laune durch Kunst und Kultur. Da gehören nicht nur die Straßenmusiker da rein, sondern noch so viel mehr: Es gibt Künstler, die machen so tolle Shows, die gehören raus auf die Straße, auf die Bühne.

Die muss man unterstützen. Die investieren sehr viel Zeit und Geld, Herz und Liebe in dem, was sie vermitteln und nach außen tragen. Es ist so traurig, dass es immer mehr eingedämmt wird. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man das auch zeigt und sagt „jetzt müssen wir hier etwas verändern, weil es schwere Zeiten gab.“ Wir haben jeden Tag die Möglichkeit, an diesem Rad zu drehen und das können wir nur in einer Gemeinschaft. Wir müssen das tun. Das möchte ich mit dem, was ich tue und mache, nicht nur vermitteln, sondern auch umsetzen und jeden Tag daran arbeiten. Ich sage immer, ich bin nur eine kleine Ameise, die versucht, sich eine Armee aufzubauen und mit dieser Armee alles zu bewegen.

Corona hat menschlich einen neuen Thomas-Hobbes-Staat gegründet: Natürliches Misstrauen, jeder gegen jeden und nicht mehr dieses Wohlwollen. Du hast bereits die Auflagen und Verordnungen angedeutet. Als ich in deinen Podcast in die erste Folge reingehört habe, wurde ja auch erwähnt, dass Du von „einer Bühne“ sprichst „ohne Angst vor Behörden“. Kann man sich das so vorstellen, dass Polizisten, soz. „dein Freund und Helfer“, einen Musiker nimmt und aggressiv herauszehrt?

Nein, das ist falsch. Die Polizei nicht aggressiv, sondern macht genauso ihren Job nach ihren Auflagen wie wir alle. Erstens laufen sie an der Promenade vorbei, schauen nach einem Musiker, ob der mit einem Verstärker spielt und länger als eine halbe Stunde. Zweitens wissen sie es gar nicht, wie lange der spielt. Meistens bitten sie den Musiker darum aufzuhören. Es gibt andere Straßenmusiker, die wiederum erzählt haben, dass sie gezwungen wurden, sofort aufzuhören. Vom Hören und Sagen würde ich behaupten, dass die Polizei hier in Hamburg sehr tolerant diesbezüglich ist und überhaupt nicht bösartig. Ganz im Gegenteil, sie erklären es häufig sogar im Detail. Ausnahmen bestätigen Regeln, das gibt es überall. Das ist, glaube ich, dann aber auch eher der Mensch und da sollte man die Polizei nicht verurteilen.

Die Polizei ist aus meiner Sicht immer noch der Freund und Helfer. Ich schätze die Polizei hier in Hamburg sehr, vor allem, was sie jeden Tag leistet. Demzufolge machen nur ihren Job und weisen darauf hin, dass es nicht geht. Wenn jemand nicht reagiert, dann müssen sie natürlich irgendwann auch andere Maßnahmen ergreifen. Aber das ist wie bei allem im Leben so. Die Polizei oder das Ordnungsamt machen nur ihren Job und halten sich an den Regeln. Die Regeln sind eben diese Verordnung. Die Anwohner haben ein Recht darauf, sich zu beschweren und das verstehe ich. Aber es gibt sehr viele Möglichkeiten hier in Hamburg und Orte, die man dafür auch schaffen könnte.

Gibt es Erfahrungswerte oder Vergleichswerte mit anderen Städten, wenn Du sagst, die Polizei in Hamburg macht da einen sehr guten Job. Kennst Du Geschichten aus anderen Städten?

Ja, vom Hören und Sagen. Aus München weiß ich, gibt es ein Konzept, dass die Musiker tatsächlich vor beim Bürgermeister vorspielen und dann kriegen sie eine Genehmigung für gewisse Plätze, wo sie spielen dürfen in einem bestimmten Zeitraum. Das ist aus meiner Sicht auch noch nicht ganz durchdacht. Aber so gibt es auch ganz viele andere Länder, wo Paradebeispiele existieren – wir kennen ihn alle – Ed Sheeran. Er ist ein Straßenmusiker gewesen. Er wurde nur gesehen und entdeckt, weil er dort spielen durfte, ohne Hemmungen und komplett mit allem, was er liebt und seinen Gefühlen ohne Ängste oder Sorgen.

Ich vermute, das war das, was die Menschen so mitgenommen hat. Nur, weil er einen Platz auf der Straße hatte, wo er erleichtert spielen konnte und durfte, wurde er gesehen. Heute ist er mit einer der größten Stars auf der ganzen Welt. Jeder Künstler, egal ob Musiker oder Tänzer etc., hat diese Chance meiner Meinung nach verdient. Diese Chance muss aus meiner Sicht jede Stadt unterstützen.

Bei den Musikern, mit denen du gesprochen hast, hat man diese Anspannung rausgehört. Glaubst du, das wirkt sich auf ihre Leistung aus, wenn sie hier auf der Straße auftreten?

Ja, natürlich. Es ist immer so, wenn man sich frei im Leben fühlt, egal bei was, fühlt man sich viel leichter und einfacher und man hat diese negative Energie in sich nicht, so etwa diese Angst davor. Ängste, sage ich immer, sind der größte Feind, weil sie ganz viel kaputtmachen und einen selbst einschränken. Wenn man diese Belastung immer mit sich trägt, kommt ein anderer Klang am Ende des Tages raus.

Jetzt kommen wir zu Günther Ehnert. Günther, du hast mit dem Blauen Ball eines der größten Charity-Events Deutschlands ins Leben gerufen. Da steckt eine persönliche Geschichte hinter. In deinem Buch über den Blauen Ball, das du zum 25. Jubiläum veröffentlicht hast, steht, dass wer gemeinnützige Projekte wie Daniela Rost es tut, betreibt, sich gerne bei dir auch melden soll. Du selbst möchtest Danielas Projekt unterstützen. Was hat dich am meisten angetan? Die Idee der innovativen, mobilen Bühne, Danielas persönliche Geschichte oder der Gedanke, anderen Menschen helfen zu wollen?

Das, was Daniela erzählt hat, steckt auch viel im Blauen Ball. Da war ich zu begeistert. Ich habe Interesse gezeigt, weil ich weiß, sie wird das schaffen und sie brennt dafür. So ist das bei meinem oder bei unserem blauen Ball genau das Gleiche. Das ist aus einer persönlichen Feier entstanden. Aus der Generation, wo ich herkomme, war das so, dass drei Generationen zusammen privat gefeiert haben. Die Menschen zusammenzubringen mit Musik und Künstlern, das ist unheimlich wichtig.

Rost: Musik ist für die Seele und für das Wohlbefinden.

Ehnert: Und wenn an den Landungsbrücken 150 Leute um einen Musiker stehen und begeistert sind, ja, dann brauche ich mir über irgendwelche anderen Dinge keine Gedanken zu machen, über irgendwelche Auflagen. So war das mit dem Blauen Ball auch: Wir haben immer organisiert und geplant aus Sicht des Gastes. Wenn der Gast zu mir kommt, spiele ich nicht das, was ich toll finde, die Musik oder anderes, sondern was der Gast toll findet. Wenn der Gast sagt „das war toll, ich komme wieder und ich spreche auch drüber“, dann habe ich alles vollkommen richtig gemacht.

Die Polizisten haben ihre Vorschriften, die sie mitbekommen und danach müssen sie handeln. Vielleicht ist manch ein Polizist darunter, der Musik gerade toll findet und da auch gerne zuhört. Das ist für uns genau das Gleiche. Was ich mir wünschen würde, ist, dass die Behörden, die Künstler und auch die Verantwortlichen und die Menschen, dass sie mal den Weg gehen, den Daniela auch vor sich hat. Die Menschen müssen erstmal verstehen und sich reinversetzen, „was will Daniela eigentlich?“, „Was möchte sie schaffen?“ Sie denkt nicht viel mehr an sich selbst, sondern sie denkt an die Künstler, aber auch an die Zuschauer oder die Zuhörer, dass sie in einem Kreis sind, wo sich alle wohlfühlen. So ist es beim Blauen Ball das Gleiche: Die Menschen fühlen sich größer, sonst würden sie nicht wiederkommen.

Der zweite Teil des Interviews folgt nächsten Freitag um 18:00 Uhr. Treffpunkt: hier.

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