Dokumentarfilmer Marc Emde im Interview: „Ein Filmemacher (…) ist Autor des ganzen Werks“

Marc Emde Filmemacher

Dokumentarfilmer Marc Emde im Gespräch. Der Filmemacher aus Hamburg gibt Einblicke in den Beruf und räumt mit Vorwürfen auf. Das ganze Interview gibt es hier.

Text/Interview und Fotos: Johanna Karajan (Veröffentlichung oder Weiterverwendung ausschließlich unter Urhebernennung gestattet!)

Lieber Marc, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, diese Fragen zu beantworten, sodass wir den Mann hinter der Kamera besser kennenlernen können. Du betonst selbst, dass du weder Videograf noch Cinematograph bist. Kannst du uns deine Bezeichnung nennen und worin genau der Unterschied besteht?

Ich bezeichne mich als Dokumentarfilmer – oder schlicht als Filmemacher. Der Unterschied liegt in der Verantwortung: Ein Videograf dokumentiert, er hält fest, was passiert. Ein Cinematograph, also ein Kameramann, verantwortet ein einzelnes Gewerk – das Bild – als Teil eines größeren Teams. Ein Filmemacher dagegen ist Autor des ganzen Werks: Er entwickelt die Geschichte, bestimmt Bild, Ton, Schnitt und den roten Faden, der alles zusammenhält. Und genau das ist der Anspruch, den meine Kunden bekommen: nicht die reine Aufzeichnung eines Moments, sondern seine Erzählung – gestaltet und verantwortet aus einer Hand.

Du orientierst dich an dem kanadischen Dokumentarfilmer Larry Weinstein, der als der Erfolgreichste seines Fachs betitelt wird. Wie bist du auf ihn aufmerksam geworden und was fasziniert dich an ihm?

Aufmerksam wurde ich durch seinen Film Beethoven’s Nine, eine Dokumentation über Beethovens Neunte, die mich nicht mehr losgelassen hat. Weinstein erzählt darin nicht die Sinfonie selbst, sondern die Menschen, die sie in sich tragen. Musik wird so zum Träger einer Geschichte über Hoffnung und Menschlichkeit. Genau das fasziniert mich: Er filmt keine Aufführung ab, sondern macht sie zum Ausgangspunkt einer Erzählung mit Haltung. Diesen Anspruch teile ich: Ein Konzert ist für mich kein Mitschnitt, sondern ein einmaliges Ereignis, das cineastisch und mit einem roten Faden erzählt werden will.

Jedes laufende Projekt ist mein Herzensprojekt.

Marc Emde, Dokumentarfilmer

Welche Themenfelder strebst du als Dokumentarfilmer an? Deckt sich das mit Larry Weinstein oder hebst du dich da ab?

Meine Themen kreisen immer um Menschen und das, was sie verbindet: Musik, gemeinsames Schaffen und gesellschaftliches Engagement. Der rote Faden ist dabei nie das Ereignis selbst, sondern der Mensch dahinter. In dieser Hinsicht bin ich Weinstein nah, denn auch für ihn ist Musik nie Selbstzweck, sondern der Zugang zu einer größeren Geschichte über Menschlichkeit. Wo ich mich abhebe: Weinstein arbeitet oft mit historischen Figuren und stilisierten Rekonstruktionen, während ich im Hier und Jetzt mit lebenden Menschen und realen, einmaligen Ereignissen erzähle. Nähe und Authentizität statt Inszenierung. Genau das macht meine Arbeit für Veranstalter, Theater und Unternehmen wertvoll: Sie halten einen echten, nicht wiederholbaren Moment fest.

Wie kann man sich deinen Arbeitsalltag oder die Produktion eines Films vorstellen vom Brainstorming zur Finalisierung?

Am Anfang steht immer die Geschichte, nicht die Technik. Zunächst kläre ich mit dem Kunden, was der Kern des Ereignisses ist und welcher rote Faden ihn trägt. Darauf basierend erstelle ich ein Konzept, das einen Drehplan, eine Bildsprache, eine Ton und Kamerastrategie sowie die Klärung von Rechten und Einwilligungen umfasst. Beim Dreh arbeite ich mehrkamerabasiert und mit hochwertigem, teils immersivem Ton, um den einzigartigen Moment vollständig einzufangen. In der Postproduktion folgen der Schnitt entlang des roten Fadens, ein cineastisches Color Grading und ein sauberes Sounddesign. Am Ende stehen die Abnahme mit dem Kunden und die finale Auslieferung in den gewünschten Formaten. Der Vorteil für den Auftraggeber: Er hat von der ersten Idee bis zur letzten Datei nur einen Ansprechpartner – das schafft Planungssicherheit und ein durchgängig stimmiges Ergebnis. Alternative mit mehr Technik Fokus: Ich arbeite mit professionellem Cinema-Equipment.

Kameraseitig setze ich auf ein Sony-System aus FX6, FX3 und Alpha 9 III und für Konzerte auf das Blackmagic Umfeld. Ich arbeite durchgängig mit RAW, um den maximalen Spielraum in der Farbkorrektur zu nutzen. Das bedeutet bei einem Konzert Multicam: feste Totalen, bewegte Perspektiven, teils Steadicam. Alle Signale sind dabei sauber synchronisiert und werden per Remote-Monitoring über die Sony Monitor & Control App kontrolliert. Der Ton ist bei Musikaufnahmen entscheidend: Ich nehme mehrkanalig auf, je nach Anlass mit Decca-Tree-, ORTF- oder Ambisonics-Ansatz, mit Mikrofonen von DPA, Neumann, Schoeps und Sennheiser über Recorder wie den Zoom F6 und F8 – auch mehrere hintereinander geschaltet. Wenn gestreamt wird, läuft die Bildregie über ein ATEM-Setup mit sauberem Gain-Staging und getrenntem Recording. In der Postproduktion erzeuge ich den cineastischen Look über den CST-Workflow in DaVinci Resolve. Der Ton wird in Fairlight mit Restauration und präziser Mischung finalisiert.

Für den Kunden bedeutet das: technischer Anspruch auf Sendeniveau und trotzdem alles aus einer Hand mit nur einem Ansprechpartner von der Planung bis zur Auslieferung.

Es gibt Menschen, die empfinden, Green-Screen-Produktionen in Musikvideos als billig oder minderwertig, weil diese Computergeneriert sind und keine richtige Arbeit dahinterstecken würde. Was würdest du diesen Menschen antworten?

Hier liegt ein Missverständnis vor. Green Screen ist keine Abkürzung, sondern ein Werkzeug – und ein sehr anspruchsvolles. Für ein sauberes Ergebnis sind präzises Licht, exakte Ausleuchtung des Hintergrunds, die richtige Kamera- und Objektivwahl sowie echtes Handwerk im Compositing – sauberes Keying, stimmige Integration von Licht, Schatten und Farbe – erforderlich. Wird das schlecht gemacht, sieht man es sofort – genau deshalb wirkt „billiger“ Green Screen billig. Gut gemacht ermöglicht die Technik dagegen Dinge, die in der Realität gar nicht oder nur mit enormem Aufwand realisierbar wären: volle Kontrolle über Bildwelt, Marke und Botschaft. Große Kinoproduktionen und internationale Sender arbeiten aus gutem Grund damit. Für Unternehmen bedeutet das: Ein professionell umgesetzter Green Screen ist kein Sparmodell, sondern ein Gestaltungsmittel für eine kontrollierte, hochwertige und flexible Bildsprache.

Marc Emde über KI und weitere Projekte

KI ist ein spannendes Stichwort. Die Menschen sind gespalten über diesen technischen Fortschritt, der Segen und Fluch zugleich ist, weil er den Menschen, ihre Handfertigkeiten und Fähigkeiten nimmt. Wie siehst du das?

KI ist ein Werkzeug, aber kein Ersatz. In meiner Arbeit übernimmt sie die handwerklichen Aufgaben im Hintergrund, wie beispielsweise Tonrestauration, Bildstabilisierung und Freistellungen, und verschafft mir so Zeit für das Wesentliche: die Geschichte und die Menschen davor. Was KI nicht kann, ist, im richtigen Augenblick vor Ort zu sein, den Moment zu spüren und festzuhalten. Genau das ist der Kern meiner Arbeit und lässt sich nicht generieren. Ich sehe KI deshalb nüchtern: Sie nimmt mir keine Fähigkeit, sondern verstärkt sie – solange der Mensch die Entscheidungen trifft. Für meine Kunden bleibt das der entscheidende Punkt: Sie bekommen einen echten, dokumentierten Moment und keine Simulation.

Welche Projekte sind für dich einfach und welche Projekte stellen für dich Herausforderungen dar?

Einfach ist für mich nichts, aber es gibt Projekte, die ich sicher beherrsche, weil ich sie schon oft gemacht habe. Dazu gehören Imagefilme, Recruiting-Formate und planbare Aufnahmen mit klarem Ablauf. Da liegt die Qualität im Handwerk, nicht im Risiko. Herausfordernd – und für mich das Spannendste – sind die einmaligen, nicht wiederholbaren Ereignisse: ein Konzert, ein Live-Moment, ein Ereignis, das nur ein einziges Mal so stattfindet. Da gibt es keinen zweiten Take. Alles muss beim ersten Mal sitzen: Technik, Ton, Kamera, Timing. Genau diese Herausforderung suche ich, denn sie macht den Unterschied. Für den Kunden ist das die eigentliche Sicherheit: Wer das Schwierige beherrscht, liefert auch beim scheinbar Einfachen verlässlich ab.

Was war bislang dein persönliches Lieblingsprojekt und warum?

Jedes laufende Projekt ist mein Herzensprojekt. Derzeit arbeite ich an der Dokumentation „Keine Stimme singt allein“ über den Bengelsstimmen-Chor und sein Benefizkonzert für Hanseatic Help e.V. in der Elbphilharmonie. Es vereint alles, wofür ich stehe: ein einmaliges Ereignis an einem außergewöhnlichen Ort, großartige Musik und die Geschichte von Menschen, die gemeinsam etwas bewegen. Genau diese Verbindung aus cineastischem Anspruch, anspruchsvollem Ton und echter Haltung ist mein Antrieb. Zudem ist es ein Projekt, das über den Moment hinaus Bestand hat, da es nicht nur ein Konzert dokumentiert, sondern auch zeigt, was Musik bewirken kann.

Wie lange bist du bereits als Dokumentarfilmer aktiv?

Seit 2017 arbeite ich als Filmemacher, mit einem klaren Schwerpunkt auf Konzertaufnahmen und Feature-Dokumentationen. In dieser Zeit habe ich mir sowohl das erzählerische als auch das technische Handwerk erarbeitet – von der Kamera über den Ton bis zur Postproduktion. Diese Bandbreite ist kein Zufall, sondern Voraussetzung: Wer einmalige Ereignisse dokumentiert, muss jedes Gewerk sicher beherrschen. Genau diese Erfahrung gibt meinen Kunden die Sicherheit, dass beim entscheidenden Moment alles sitzt.

Darfst du uns verraten, auf welche Projekte von dir wir uns demnächst freuen dürfen?

Es stehen gleich zwei besondere Ereignisse an. Im Mittelpunkt steht meine FeatureDokumentation Keine Stimme singt allein über das Benefizkonzert des Bengelsstimmen-Chors in der Elbphilharmonie am 20. September. Es ist ein einmaliger Moment in einem der schönsten Konzertsäle der Welt, den ich in voller cineastischer und klanglicher Tiefe festhalte. Nur eine Woche später, am 27. September, folgt das Konzert von Leon Gurvitch [letzter Bericht über ihn hier, Anm. d. Red.] in den Docks. Der Rahmen ist ein ganz anderer, doch der Anspruch bleibt derselbe: einen musikalischen Abend so einzufangen, dass er über den Moment hinaus Bestand hat. Darüber hinaus baue ich mein Angebot im Bereich hochwertiger Event- und Imagefilme weiter aus. Wer ein besonderes Ereignis plant, darf mich gern frühzeitig ansprechen.

Vielen Dank für das großartige Interview! Marc Emde findet ihr auf allen gängigen sozialen Medien Instagram und LinkedIn sowie YouTube und Vimeo. Weitere Infos findet ihr auf seiner Website.

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